Es ist August. Sonntag Vormittag. Ich sitze heute zum ersten Mal in diesem Sommer mit einem Häferl Kaffee am Balkon. Noch letztes Jahr war das ein fast tägliches Ritual. Kürzer an Arbeitstagen, ausgedehnt an freien Tagen. Stets in Begleitung meines Katers Leo, ganz hübsch angezogen in Brustgeschirr und Leine, mein Balkon ist ja nicht vergittert.
Heuer im Jänner ist er über die Regenbogenbrücke gegangen. Und plötzlich.. ist alles still.. So viele Rituale hören plötzlich auf zu existieren. Und ich erkenne: Er war mein Anker, mein Zuhause in meinem Zuhause.
Ja ich hab getrauert, ja ich hab jetzt sogar 2 neue Mitbewohner, Madame Pieps und Katerchen Xero („der Kleine“, weil 6 Jahre jünger und viiiiel schlanker als seine Mama Pieps *lach*), ja es geht mir gut und ich bin glücklich, es gibt neue Rituale, mein zuhause ist jetzt anders. Und dennoch hab ich es irgendwie nicht geschafft entspannt am Balkon den Kaffee zu genießen. Als ob sich jede Faser meines Körpers dagegen gesträubt hätte.. bis heute.

Ich hab gar nicht darüber nachgedacht, automatisch mein Häferl und den Laptop geschnappt und mich am Balkon gesetzt. Noch ist eine Ecke im Schatten.
Und jetzt sitz ich da und die Tränen rinnen. Ich denke an Leo und die Trauer scheint mich wieder eingeholt zu haben. Schlimm? Nein, Teil des Prozesses. Sie hat ihr Gesicht verändert, sie tut nicht mehr so weh.. Mein Häferl fest umklammert, schau ich über meine wilden Balkonkästen in den blauen sonnigen Himmel.. in die Ferne.. und mir wird klar: ich sitze heuer das erst Mal heraussen.. Hmmm.. nicht weil das Wetter bisher so schlecht oder nass oder wasauchimmerdieLeutebekritteln war.. weil ich es noch nicht aushalten konnte ohne Leo-Begleitung..
Heute geht’s plötzlich.. ich wundere mich selber.. ich kann es halten.. trotz Tränen und hochflackernder Emotionen.
Und jetzt springen die wilden Grüns in den Balkonkästen in den Vordergrund.. Ist es Zufall dass meine besondere Freundin, die Schafgarbe, heuer einen ganzen Balkonkasten für sich beansprucht hat?? Ganz sicher nicht, denn sie ist wohl meine Seelenpflanze. DAS wilde Grün, das für mich seit vielen Jahren eine besondere Bedeutung hat. DAS wilde Grün, das für mich in den größten Trauerphasen da war und mir Trost, Kraft und Halt gegeben hat, mir Gleichsam Freundin, Schwester und Lehrerin war. DAS wilde Grün, mit dem meine Reise in die Welt der wilden Kräuter so richtig begonnen hat. DAS wilde Grün, das für mich immer einen besonderen Zauber bedeuten wird.
Und ist es Zufall das just heuer das Berufkraut mit 5 besonders hohen Stängeln bei mir wächst? Aufrechte 80 cm??!! Trotz kleinem Balkonkasten, trotz maximal 1x pro Woche gießen, trotz Sturm und Regen.. nicht mal irgendwie schief, sondern kerzengerade. Aufrecht. Stolz. Ich betrachte die Pflanze lange. Ja, sie schirmt meinen Balkon ab, sie beschützt. Sie hält den Raum. Wow. Ich werde demütig und dankbar. Mein geliebtes wildes Grün. Immer wieder vermag es zu verzaubern, zu unterstützen und zu lehren. Durch das bloße Sein so viel zu geben.
Ja für viele ist es „Unkraut“, das verbannt und bekämpft werden muss. So viele umgeben sich lieber mit hochgezüchteten Blühpflanzen. Für mich sind viele davon zwar auch wunderschön, aber auf mich wirken sie meist viel zu gekünstelt, oberflächlich. Tief in die Seele haben es bisher nur die wilden geschafft. Ich liebe sie aus tiefstem Herzen und danke ihnen jeden Tag aufs Neue fürs Dasein und mit mir gehen.

Exkurs zu den erwähnten wilden Grüns:
Die Schafgarbe. Achillea millefolium. Die Augenbraue der Venus. Soldatenkraut. Zimmermannskraut. Blutkraut. Heil aller Schäden.
Sie hat viele Namen und gehört zu den ältesten Heilpflanzen, schon zu Zeiten der Neandertaler wurde sie genutzt. Sie ist fast ein Allheilmittel, jedenfalls ein Wundermittel mit vielen Eigenschaften: entzündungshemmend, krampflösend, verdauungsfördernd, blähungswidrig, antiseptisch, zusammenziehend, blutstillend, wundheilend.
Ein Strauß am Nachtkästchen soll die Aura über Nacht reinigen. Ihr Tee hilft bei Menstruationskrämpfen. „Schafgarb im Leib tut wohl jedem Weib“ wussten schon die alten. Wer braucht Schmerztabletten, wenn stattdessen Freundin Schafgarbe zur Stelle ist und ihre Magie entfaltet. Auch bei Verdauungsproblemen hilft verlässlich. Bei Kopfschmerzen und Migräne und für die Leberentgiftung kann ich ihren Tee von Herzen empfehlen. Ihr Geschmack wird als herb und bitter beschriebe, da muss ich lachen, für mich ist ihr Tee immer zart feinherb und wohlschmeckend.
Ihr aromatischer Duft zaubert mir immer ein Lächeln ins Gesicht, mit ihren fein gefiederten Blättchen und ihren vielen einzelnen Blütenköpfchen zeigt sie ihre sanfte, liebvolle, fast mütterliche Seite. Ihre aufrechten harten Stängel zeigen ihre Stärke und Kraft. Sie vereint beide Pole, gleichwertig, Licht und Schatten, Männlich und Weiblich, Yin und Yang. Beide Archetypen im Gleichgewicht. Venus und Mars. Balsamgarbe und Soldatenkraut.
Von wegen typisches Frauenkraut. Im Mittelaltert als „Hieb- und Stichkraut“ bezeichnet wurde Schafgarbe zerquetscht auf offene Wunden gelegt, sie wirkt zusammenziehend und blutstillend. Ein Allheilkraut eben. Sie zeigt so deutlich, dass es nicht um „entweder-oder“ geht, sondern um ein „sowohl-als auch“. Eine Botschaft die in dieser unserer Zeit heute nach wie vor wichtig ist.
Das Berufkraut. Der Feinstrahl.
Eine Pflanze, der man zuschrieb Schutz vor Hexen, Zauberern, bösen Geistern Verwünschungen und Anfeindungen zu bieten. „Berufen“ oder „Beschreien“ sind andere Begriffe für „verhexen“ oder „verfluchen“. Kinder wurden im Absud gebadet, Haus, Hof und Stall damit geräuchert. Vielleicht hilft es modern übersetzt bei allerlei schweren und negativen Gedanken, ausgesprochenen verletzenden Worten und ähnlichem. Energetische Hygiene, so wie Zähneputzen. Berufkraut klärt beim Räuchern unsere Gedanken, vermag Ängste und Fremdenergien zu lösen. Berufkraut wirkt zudem entzündungshemmend, adstringierend, blutstillend.
Als Neophyt verschrien, ist das kanadische Berufkraut schon seit dem 16. Jahrhundert bei uns wohnhaft. Irgendwie also doch schon hier zuhause, oder?!
Ihr Geschmack ist würzig, schärflich, leicht pfeffrig. Die jungen zarten Blätter und Knospen verarbeite ich frisch zur Kräuterbutter (oft auch zusammen mit jungen Schafgarbenblättchen) und getrocknet landen sie in meinem Kräutersalz. Die Knospen lassen sich auch kapernartig einlegen.
Die Volksmedizin Amerikas verwendet den Tee bei Durchfall und Menstruationsbeschwerden. Berufkraut soll bei Wechselbeschwerden hilfreich sein. Die Gerbstoffe der Pflanze wirken blutstillend, sie hilft bei Schleimhautentzündungen, bei Magen- Leber, und Gallenproblemen.
Ich sitze da und schreibe diesen Text und überlege schon währenddessen: Ist dies ein Text zum Veröffentlichen? Ist er doch mein persönlichster Artikel bisher. Ein einziger Artikel, eigentlich eine ganze Geschichte, war noch persönlicher, nur zum Teil veröffentlicht, durch meine Lehrerin Ingrid Kleindienst-John in ihrer Online-Zeitschrift beim KräuterKraftKreis. Ich hab jetzt echt lange überlegt… Ich pfeif auf irgenwelche Urteile anderer. Ich hab den Artikel nicht für mich allein geschrieben. Wenn ich einen Impuls aus dem Inneren bekomme, schreibe ich ohne viel Nachzudenken.. Es fließt quasi von allein.. Es will raus..So sind meine Texte. Ehrlich. Wild. Pur. Einfach ich.
Und damit wars das mit dem Schreiben heute. Jetzt wird’s bei 33 Grad langsam zu heiß und zu sonnig auf meinem Balkon. Das Kaffeehäferl ist auch schon leer und ich begebe mich jetzt ins wesentlich kühlere Wohnzimmer. Da mützen nämlich 2 Flauschtiger entspannt am Sofa.
PS: Selbst die Pfefferminze – kein wildes Grün, sondern eine Spende aus dem Garten meiner menschlichen Lehrerin Ingrid und dort vermehrt sie sich ganz selbstständig *lach* – sollte vor lauter nicht gießen und nicht pflegen heuer schon verdorrt sein, ihr Topf steht so nah an der Wand, dass auch der bisherige Regen sich nicht hin verirren konnte. Selbst sie hält stolz den Raum und gedeiht. Blüht. Sie klärt und gibt Frische. Auch eine gute Lehre in diesem meinem bisherigen 2025.

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